Freiheit – eine alltägliche Illusion

Vielleicht sollte man den Versuch einer Definition für „Freiheit“ erst garnicht riskieren. Allerdings: Solange ich zurückdenken kann, wird das öffentliche Bewusstsein mit diesem Begriff befrachtet. Es gibt kaum eine mir bekannte Persönlichkeit, die das Wort „Freiheit“ nicht schon öffentlich benutzt hätte, und es gibt kaum einen von mir wahrgenommenen Auftritt, der nicht nach Missbrauch von „Freiheit“ schmeckte.

Gedankenlos, oder in Rosstäuscher-Manier? Unintelligent, hintertrieben oder idealistisch? Ich denke, dies sind schon zutreffende Attribute für verbale Missetaten. Jeder, der das Wort Freiheit im Munde führt, setzt es beliebig ein, so also, wie es ihm zum konkreten Fall genehm ist. Freiheit verkommt zur Propaganda.

Ich meine, Freiheit muss gewährt, und dann gelebt werden. Wer von der Freiheit des eigenen Gemeinwesens redet, ist verdächtig, und wer viel darüber redet, ein fast überführter Übeltäter.

Man gewöhnt sich jedoch an diesen Sprachgebrauch und an die mit der unredlichen Verwendung  solcher Begriffen einhergehenden Entwertung der Wertesysteme, so, wie man sich an ungesunde Ernährung gewöhnen kann. Wenn – ja wenn da nicht gleichzeitig der Wunsch des Menschen wäre, frei zu sein – was immer er im einzelnen darunter verstehen mag.

Immerhin ist die Auffassung geläufig, dass frei sei, wer nicht eingesperrt ist. Diese Knastlogik ist trivial, und wie alles Triviale auch wahr, sie verdient allerdings keine weitere Beachtung.

Also anders: Wirklich frei ist der Mensch bekanntlich nur in einer Anarchie. Das bedeutet dann,  frei zu sein in rechtlicher, politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht. Ja, das wäre es fast gewesen – gäbe es nicht den Menschen selbst, mit seinen genetisch bedingten Veranlagungen, die ihm ein Sozialverhalten aufzwingen, das die Freiheit der jeweils anderen Sippenmitglieder beschränkt.

Ich vertrete die Auffassung, dass die Unfreiheit des Menschen in ihm selbst beginnt; sein erster Käfig heisst Egoismus. Diese animalische Veranlagung hat er kraft seines Verstands und mangels Vernunft weit über das Niveau jener Kreaturen gesteigert, die er Bestien nennt.

Dieses offenkundige Defizit des Menschseins soll Ausgangspunkt für die Frage sein, was nach seinem eigenen Verständnis den Menschen eigentlich unfrei macht. Vorausgeschickt: Alle Versuche, einen besseren Menschen zu formen, sind bisher gescheitert, nicht wahr? Wir werden dieses Ziel niemals erreichen, weshalb der „bessere Mensch“ nie Ziel sein kann.

Wohl aber haben wir es in der Hand, die gesellschaftlichen Masstäbe und deren Anwendung zu optimieren. Dies ist die Aufgabe jener, die von den Bürgern zur Wahrnehmung ihrer Interessen beauftragt werden. Daran ändert auch die Tatsache nicht, dass der moderne Politiker Politur meint, wenn er Politik sagt.

Konstruktive Kritik darf nicht am Individuum, sie muss am System geübt werden.

Was also macht den Menschen unfrei ? Es sind z. B.

  • Armut
  • Ideologien und Doktrine
  • pseudo-religiöse Zwänge
  • wirtschaftliche Abhängigkeiten
  • staatliche Gewalt (Legislative, Judikative und Exekutive)

Man schaue sich diese kleine Auswahl und anschliessend die Situation der Menschen in Nord-Korea an. Fünf Fragen, fünf Antworten mit „Trifft zu!“. Daraus leitet die „freie Welt“ in kaum zu überbietender Arroganz ab, das dortige Regime mache seine Bürger unfrei und stünde dabei im Gegensatz zur westlichen Welt. Grundsätzlich ist diese Feststellung sogar korrekt. Aber schauen wir uns Deutschland genauer an.

  • Wachsende Armut zwingt zur Einrichtung von Suppenküchen.
  • Ausländer, Penner und Linke werden verfolgt.
  • Homosexuelle werden verachtet und benachteiligt.
  • Die katholische Kirche handhabt Heiratsverbote.
  • Menschen werden zwecks Gewinnmaximierung aus dem Arbeitsverhältnis entfernt.
  • Kranke, Autofahrer und andere Gruppen werden aus dem gleichen Grund ausgeplündert.
  • Politiker belügen und betrügen den Bürger.
  • Polizisten prügeln Demonstranten, die nicht auf einem Atomendlager wohnen wollen.
  • Das Rechtssystem leidet über Gebühr unter der Diskrepanz von Recht und Gerechtigkeit,
  • und es wird zudem beliebig angewandt.

Ich gestatte mir die polemische Darstellung ausschliesslich zur Verdeutlichung: Für die eigene Gesellschaft wird geltend gemacht, sie sei frei. Sie ist es jedoch nicht, wenngleich anders unfrei als in Diktaturen, und sie kann es auch nicht sein.

Annähernd frei ist der Mensch nur im Chaos einer Anarchie. Die Menschen fordern jedoch ein wohlorganisiertes, soziales Gemeinwesen, das mit einem minimalen Regulierungsmechanismus alle wesentlichen Voraussetzung für ein gesichertes Leben in der Gemeinschaft gewährleistet. Die damit verbundenen Einschränkungen der persönlichen Freiheit werden akzeptiert, sie sind der Preis für die Sicherheit. Zur Sicherstellung dieser Interessen  wählen sie Regierungen, und ihre eigenen Vertreter in die Parlamente. Und sie müssen erleben, dass Regierende nicht regieren, sondern mit Interessengruppen kopulieren, Machtkartelle bilden und damit die Freiheit des Einzelnen wie des ganzen Volks gefährden, einengen oder gar eliminieren.

Anders: Eine Gesellschaft, die ihre Alten wegsperrt, produziert für die Betroffenen Unfreiheit. Wenn sie sich zudem erlaubt, 30 Prozent ihrer Bürger an der Armutsgrenze leben zu lassen, erhöht die Unfreiheit. Mit wahren 10 Prozent Arbeitslosen und dem Ausländeranteil sind die Nicht-Freien rasch mit 50 Prozent beziffert. Ist Deutschland nun ein freies Land?

Ich sage ja – fuer die andere Hälfte der hier lebenden Menschen.

Fehlleistungen haben Folgewirkungen. Der Bürger nimmt nationale Defizite auf seine Weise wahr, und zieht auf seine Weise daraus Lehren. Diesen ist stets die Verweigerung gemeinsam, und das schliesst Pseudo-Werte wie Heimat, Volk und Staat mit ein. Konkrete Folgen sind soziale Erschütterungen jeglicher Art. Sie entstehen im Bewusstsein, dass die eigene Gesellschaft nichts taugt, dass demzufolge die Achtung von Werten und Normen dieser Gesellschaft nutzlose Einschränkung bedeutet. Teile der Bevölkerung gleiten ab in die Kriminalität, in Vandalismus, Randalierertum, Sektierertum, in idealistisch überhöhte Ideologien, politische Polarisierung etc.

Unterdessen reklamieren die Regierenden die Beachtung einer „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ und schreiben sich „Freiheit“ auf ihre Fahnen. Es gibt kaum eine krassere Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Und kaum ein Verantwortlicher scheint dies wahrnehmen zu wollen.

Dies alles lässt sich auch kurz und sehr treffend reduzieren und auf einen für den Bürger praktikablen Punkt bringen, mit dem Götz-Zitat nämlich. Und genau das geschieht, in Zeiten des gesellschaftlichen Wandels zum Negativen hin öfter, und deutlicher denn je.

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  1. Ich fühle mich frei, so lange ich noch Handlungsoptionen sehe, also selbstwirksam werden kann.
    Unfreiheit ist meiner Ansicht nach immer in Ängsten begründet.
    Davon gibt es ja leider eine riesige Bandbreite.
    Übrigens auch, wenn es vordergründig um Egoismen geht, liegt dahinter eine Angst, wie z.B. die Angst vor Nähe oder Bindung… vor Zurückweisung. Es kommt halt darauf an wie / wann und welcher Form sich „Egoismus bzw. egoistisches Verhalten“ zeigt.

    Anmerkung >Autor:
    Richtig ist, dass auch Angst unfrei macht.
    Aber ich bezweifle, dass Handlungsalternativen frei machen.
    Wer sich an die Gefühlswelt des Menschen i. V. m. Freiheit wagt, steht in neuen Schuhen mit Ledersohlen auf Glatteis. Darum bin ich zufrieden mit einem Hit aus dem 3. Reich: „Die Gedanken sind frei!“ Aber man kann auch dieses Ideal zerlegen wie ein Fahrrad.

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