Auf leisen Sohlen naht …..

Wenn man wie ich beinahe 80 Jahre gelebt hat, dann weiss man um die Nähe des endgültigen Abgangs, und man redet schamlos darüber. Und man weiss auch, dass die Sicht auf das Ende verdrängt wird und Sprüche dazu tabu sind. Dennoch riskiere ich einen:

Tod ist Ziel der Natur, nicht Strafe.

Marcus Tullius Cicero (106 – 43 v. Chr.)

Der gute Marcus – hat er doch wieder einmal etwas besonders Kluges gesagt! Er und ich – wir haben uns leider nie getroffen, aber er spricht mir aus der Seele.

Dennoch bleibt mir ein Stückchen Arbeit, um dieses Ziel menschenwürdig auszustatten. Es ist so etwas wie eine Bilanz des Lebens, die den Abschied erträglich macht – oder auch nicht. Nein, es soll nicht Buch geführt werden. So etwas wie ein Management summary muss ausreichen. Er enthält nur das Wesentliche, denn wer sich in Details verliert, beginnt zu leiden.

Wenn ich diesen Job erledigt habe, darf ich mir einen Luxus gönnen, indem ich mich zufrieden in mich selbst begebe, um mit mir einen Frieden zu schliessen. Dabei wird meine Werteordnung revidiert, ein Schritt von grosser Wichtigkeit für die Gegewart wie für die Zukunft.

Wenn das alles geschafft ist, wird man es mir ansehen, und man wird neidvoll sagen, der Alte ruhe in sich selbst.

Und ich werde sagen: Alter, auch mein Leben ist noch bunt genug, also warte so um 15 Jahre, dann komme ich freiwillig mit. Ok? Danke Dir!

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Ist der Kullerpfirsich ein Insekt – oder nur in Sekt?

Diese Frage drängte sich auf, als ich mir meine Obstschale griff. Dort reifen Weintrauben, Pfirsiche und Nektarinen betulich vor sich hin, und stets in Sorge vor Schimmelsporen und anderen Fäulnis auslösenden Faktoren. Aber siehe da – der Feind kam anderswo her. Ich kenne seinen Namen, er heisst Dermaptera. Um es vorweg zu nehmen: Es ist kein Saurier. Auch kein Flugsaurier.

Man möchte als Gutmensch gelten und widmet seinen Rasen der Insektenwelt, indem man alles wachsen lässt, und schon wächst der Dermaptera mit. Und ich finde ihn bei meinem Obst! Und nicht nur das. Ich finde auch, sein Fehltritt ist ein weiteres Indiz für den Zerfall unseres Gemeinwesens. Das Viech sollte sich im Garten Pflanzen suchen, an denen es Blattläuse zu ernten gibt, aber er bevorzugt den bequemen Weg, indem er in mein Office einfliegt und zielsicher auf meinen Früchten landet – der Ohrenkneifer.

Noch ehe ich ihn fassen konnte, um ihn aus dem Fenster zu werfen, verschwand er hinter meiner Krempelkommode. Aus den Augen – aus dem Sinn, denke ich. Soll er sehen, wie er dort zurecht kommt.

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(Bild: aus Hobby-Garten-Blog, danke!)

Kritischer Blick auf ein Ende

Aus einem Filmdialog: 

Wenn meine Zeit gekommen … 

Jaja, wir wissen das schon! Wenn Deine Zeit gekommen ist, dann packst Du Deine Sachen und verschwindest! 

Genau! 

Glaube lieber nicht an derartige Euphemismen. Jedermanns Zeit kommt irgendwann, und nur wenigen ist es vergönnt, noch ihre Sachen zu packen, alles so zu ordnen, dass ein ordentlicher Abgang möglich wäre. Eben lautete die Parole noch: Lebe! Und eine Viertelsekunde später wird sie geändert in: Verschwinde! 

Mit etwas Glück kannst Du noch einen klaren Gedanken fassen. Du konzentrierst Dich auf Dich selbst. So ist das also. Abgang. Na gut. Muss ja sein. Es sind schon andere grosse Männer aus dieser Welt verschwunden. Jetzt mach zu! Wenn schon, dann sofort, nicht gleich. Das Leben war ohnehin nicht mehr so prickelnd. Wenn ich so vierzig Jahre zurück ….. und Peng! Aus. 

Es gehört zu den grossen Geheimnissen des Lebens, weshalb auch  Du Deiner Familie qua Testament eine Bürde auferlegt hast, die sie zu einmaligen Kosten in Höhe von 5.386 Euro und einer 30jährigen Pflege von zwei Quadratmetern Land verurteilt, jenem Plätzchen, an dem Du angeblich ruhst. 

Immerhin hast Du mit Deiner Verfügung dem Wirtschaftszweig TOD & BESTATTUNG zu Umsatz verholfen. Das wäre einer der positiven Aspekte Deines Dahinscheidens. Der zweite Nutzeffekt ergibt sich aus der ländlichen Sitte, des Toten Fell zu versaufen. Ja, plötzlich bist Du wieder ein Toter, klar und ehrlich als das bezeichnet, was der Realität am ehesten entspricht. Du selbst hast das Fell einiger Leute versoffen und erfahren, wie heilsam derlei Aufarbeitung von Ansätzen der Trauer sein kann – auch wenn der eine oder andere nur mitsäuft im Glauben, Dich zum guten Schluss noch einmal richtig zu schädigen, oder das Erbe Deiner Hinterbliebenen zu schmälern. Eigenartig zu beobachten, wie man mit Kaffee, Butterkuchen und geflüstertem Tratsch beginnt und nur wenig später bei Schinkenbrot, Bier und Korn lärmenden Spass verbreitet. Der Heimgegangene gerät unversehens zum Katalysator für die Dagebliebenen, sie beginnen zu reagieren, sondern ungeahnte Lebensfreude ab, und sie  würden Dich  verdammen, tauchtest Du unvermittelt dort auf, in Deinem schwarzen Hochzeitsanzug und dem Totenhemd aus Papier, Du wärst  d e r  Partykiller des Jahrzehnts. Obwohl – der Gedanke hat was, nicht wahr? 

Nun, ein mit Anstand Heimgegangener unterlässt solcherart makabre Scherze, gönnt seinen verbliebenen Gästen einige fröhliche Stunden, und kümmert sich um seinen eigenen Kram. Und der wäre? 

Immerhin: Nicht zu Unrecht redet der Volksmund vom Lichtausknipsen. Pastorale Termini für Deinen Zustand sind 

der Tote

der Entschlafene

der Dahingeschiedene

der Heimgegangene

der Selige

der Entseelte

der Entleibte

der Aufgebahrte,

der Eingesargte

der Gestorbene

der Beerdigte

der Begrabene

der in Frieden Ruhende

der Dahingeraffte

der Verblichene

o der Erblasser, und

o der Sack, der Sau- oder Mistkerl. 

Nur: Irgendwie bist Du übern Berg. Das alles geht nicht mehr an Dich heran. Irgendwer hat mit dem mächtigen Finger geschnippt, und Du bist drüben. Drüben, das ist eine Existenz ohne Emotionen. Da ist kein Gott, es finden sich keine Engel, es fehlen Manna, Hosianna! und Halleluja! Keiner zerrt Dich vor einen Thron. Keiner droht mit seinem Flammenschwert und weist auf Endabrechnungen hin. Du bist nicht irgendwo. Nur noch: Du warst und bist. 

Unbemerkt wurdest Du assimiliert, in ein Kollektiv eingefügt, als sei Dir dort ein Platz schon immer reserviert gewesen, als sei das, was Du zu Lebzeiten Deine Seele nanntest, nie anderes als ein auf Zeit verliehenes Bewusstsein gewesen, das Du nach Ablauf Deiner biologischen Uhr wieder zurückgeben würdest, was sich an seinen angestammten Platz verfügt, um vielleicht in einigen hundert Jahren einem gerade geborenen Menschen zugeordnet zu werden, um jenem anderen Menschen vielleicht das Gefühl zu vermitteln, er sei Deine Reinkarnation, und doch käme es der Wahrheit sehr viel näher, Deine eigene Wiedergeburt in der Person dieses Neugeborenen zu erleben – könntest Du dann Deinen neu verliehenen Gefühlen trauen? 

Oder aber Du wirst nicht wiedergeboren. Du hast als Seele ausgedient, und bleibst auf Deinem Stammplatz, Teil einer allgegenwärtigen Wesenheit in einer anderen Dimension als die der Menschen, in einem anderen Universum, das dem Menschlichen so nah ist wie eine Pelle der Wurst, teils geahnt, teils gefühlt, und wegen mangelhafter Wahrnehmungsfähigkeit der Menschen als Geist, Gespenst oder göttliches Wesen empfunden. 

Ja, wäre da nicht die Frage nach dem Disponenten zu stellen. Wer in drei Teufels Namen steuert den Prozess? 

Der Kleriker: Vergiss die drei Teufel. Es ist der Wille des Herrn!

Der Kosmologe: Frage in 4 Wochen nach. Dann habe ich das durchgerechnet.

Der Atheist: Das geht alles automatisch und braucht keinen Gott!

Der Schlachter: Blödsinn. Man kann aus Wurst kein Schwein machen!

Der Computerfreak: Es funktioniert wie mit den RAM´s. Megagigantisch! 

Ich glaube, es herrscht das Zufallsprinzip. Wer am nächsten dran ist, ist dran. Möglicherweise hat jedes als belebte Materie existierende Wesen eine Seele, gleichgültig, ob Mensch, Tier oder Pflanze. Das allgegenwärtige Kollektiv liegt wie ein Netz über der uns bekannten Welt und haucht dem Belebten eine Seele ein. Der Esoteriker: Sie assimiliert den Biokörper und verleiht ihm Charakter und Gefühle.  Und der Biologe: Umgekehrt! 

PIETÄT? 

Ja, ich spüre Dein Unbehagen fast körperlich. Pietätloses Gesülze, denkst Du. So darf man nicht mit dem Thema Tod umgehen. Falsch. Ich schon. 

Pietät meint unter anderem die Ehrfurcht, die Achtung gegenüber Toten. So mein Fremdwörterbuch. 

Ich verstehe das nicht. So mein Verstand. 

Das Internet (1.4.2002):

Seitenlang Pietät Meier, Müller, Schulze, mal mit OHG, mal mit GmbH, mal mit dem Zusatz KGaA, und alle mit der Aufforderung:

Hast Du Leichen – rüberreichen.

Und im O-Ton: Provision! 

Dem Heimgegangenen ist Ehrfurcht entgegenzubringen. Ob ihm daran liegt, im Tode die Achtung erhalten, die man ihm im Leben versagt hat? Wagt sowas ja nicht über meiner Leiche zu praktizieren! 

Reicht es nicht aus, einfach die Trauer der Lebenden zu achten?

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