Es war in der Adventszeit

Sonntag, 1. Advent um 10:00 Uhr

Im Stadtteil Hamburg – Blankenese lässt sich Gesine F. durch ihren Mann Hanns einen Schwibbogen auf der Fensterbank ihres Wohnzimmers installieren. Die Freude ist gross, und es breitet sich vorweihnachtliche Stimmung aus. Hannes beginnt von Glühwein, oder besser noch von einem ordentlichen Grog zu träumen, und Gesine informiert sich über das Backen von Haseldorfer Nuss-Krokant-Makronen.

Der Schwibbogen erweckt umgehend nachbarliche Aufmerksamkeit, und nebenan beginnt das Grübeln über den Verbleib verschiedenster Gegenstände, wie Schneeschieber, Winterreifen und den Sack Streusalz.

10:14 Uhr

Beim Entleeren des Mülleimers beobachtet Nachbar Stefan U. die provokante Weihnachtsoffensive im Nebenhaus und kontert umgehend mit der Aufstellung seines 10-armigen dänischen Kerzen-Sets zu je 25 Watt pro Kerze, aufgestellt im Küchenfenster, das dem Heim von Gesine und Hannes zugewandt ist. Und es ward Licht, draussen am Gartenzaun. Stunden später , als das Leben auf der Schenefelder Landstrasse erstarb, strahlte das ganze Viertel in besinnlichem Glanz von rund 240 Fensterdekorationen.

19:03 Uhr

In der Schaltwarte Wedel der E.ON Hanse registriert der wachhabende Werner L. irrtümlich einen Defekt der E-Messgeräte für die Bereiche Nienstedten, Rissen und Blankenese, Werner ist aber zunächst arglos.

20:17 Uhr

Den Eheleuten Henry und Heidi gelingt der Anschluss einer Kettenschaltung an das Drehstrom-Netz. Es sind  96 Halogen-Filmleuchten, sie reichen quer durch sämtliche Bäume ihres Obstgartens.

Teile der heimischen Vogelwelt beginnen verwirrt mit dem Nestbau. Die abgestrahlte Wärme lockt Igel aus ihrem Winterlager, sie werden umgehend rollig.

20:17 Uhr

Der Werkstattbesitzer Patrick W. sieht sich genötigt, seinerseits einen Beitrag zur vorweihnachtlichen Stimmung zu leisten und montiert auf dem Flachdach seiner Werkstatt das Laser-Ensemble METROPOLIS, das zu den leistungsstärksten Europas zählt.  Die 200 m entfernte Spitze des Kirchturms hält dem Dauerfeuer  mehrere Minuten stand, bevor sie sich nach einem sanften Bloooob der Erde zuneigt, ohne gänzlich abzustürzen. Im alten Gebälk züngeln Flammen und verbreiten dort oben die wohlige Wärme eines Kamin-Ofens.

21:30 Uhr

Im Trubel einer Weihnachtsfeier in der ständig besetzten Messwarte Wedel verhallt ein Alarm-Signal aus Blankenese ungehört.

21:50 Uhr

Der 88-jährige Rentner Heinrich K. zaubert mit 96 Flak-Scheinwerfern des Typs Xi Song Lu (Volks-armee Shanghai) den Stern von Bethlehem an die tiefhängende Wolkendecke des Hamburgischen Winters. Daraufhin erwartet man auf der anderen Elbseite vergeblich die Geburt eines neuen Messias.

22:12 Uhr

Eine Gruppe asiatischer Geschäftsleute mit leichtem Gepäck und sommerlicher Bekleidung irrt verängstigt durch die Bahnhofstrasse in Wedel und sucht verzweifelt den Blankeneser Süllberg. Zuvor war eine Boeing 747 der Singapore Airlines mit dem Ziel Sidney / Australien versehentlich in der mit 3.000 bunten Neonröhren geschmückten Firmenzufahrt der Grossbäckerei HARRY-BROT gelandet.

22:37 Uhr

Die NASA-Raumsonde Voyager 7 funkt vom Rande der Milchstrasse Bilder einer angeblichen Supernova in der Nähe der nördlichen Erdhalbkugel.

Die Experten in Houston / Texas und in der Sternwarte Hamburg sind ratlos, weil das, was sie sehen, astronomisch nicht geht. Es ist eher die Stunde der Astrologen. Die Tarock-Karten sind jedoch überfordert.

22:50 Uhr

Ein leichtes Beben erschüttert die Umgebung des Atomkraftwerks Brokdorf. Der Komplex läuft brüllend mit 2037 Megawatt, also um 557 Megawatt = 37,63% über der Belastungsgrenze.

Aber deutsche AKWs sind sicher.

Gleichzeitig arbeiten sich im abgeschalteten AKW Brunsbüttel die Kühlwasser-Pumpen heiss und versagen schliesslich ihren Dienst für die Abkühlbecken. Das Menetekel Fukushima gewinnt an Bedeutung, da in Brunsbüttel zu viele Fliesenleger aus Polen beschäftigt sind.

23:06 Uhr

Im taghell erleuchteten Hasenkamp erwacht der Blankeneser Rentner Rentner Fritz G. und freut sich kurz vor Mitternacht  irrtümlich über einen sonnigen Dezembermorgen. Und so schaltet er um genau 23:12 seine Kaffeemaschine ein.

14 Sekunden später:

In die plötzliche Dunkelheit der gesamten Freien und Hansestadt Hamburg bricht die höllische Explosion des Atomkraftwerks Brokdorf wie Donnerhall.

Durch die stockfinstere Stadt stapfen schlaflos irre oder verwirrte Menschen, Menschen wie Du und ich, denen eine einzelne, brennende Adventskerze einfach nicht genug war.

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